Jüngere Geschichte (1945-1967)

Der Zweite Weltkrieg hatte keine Zerstörungen im Mittelbau des Rings mit sich gebracht und als im Mai 1945 die ersten Ansiedler nach Świdnica kamen, befand sich der Turm im gleichen Zustand wie schon 200 Jahre zuvor. Abgesehen von anfallenden Reparaturen wurden in diesem Zeitraum keine großen Renovierungsarbeiten durchgeführt. Die vergangenen Jahrzehnte werden sich aber sicherlich auf den technischen Zustand des Turms ausgewirkt haben. Obwohl in den erhaltenen schriftlichen Quellen aus den Jahren 1945-67 nur wenige Informationen über den Rathausturm enthalten sind, ist es uns möglich, ein Bild des Turms in diesem Zeitraum, inklusive seines technischen Zustandes, zu konstruieren. Dies liegt daran, dass viele Swidnitzer als Zeitzeugen von der Beschaffenheit des Turms in dieser Zeit berichten konnten.

Die Besiedlung der Stadt durch die polnischen Ansiedler hat die Form der Nutzung des Turmes nicht besonders verändert. Ähnlich, wie es wahrscheinlich vor dem Zweiten Weltkrieg der Fall war, blieb der Turm ein totes Relikt alter Zeiten.

In den Erinnerungen der Personen, die nach 1945 nach Świdnica gekommen sind, kann man die einstimmige Feststellung finden, dass der Turm bis zu dem Moment seines Umsturzes nicht genutzt wurde. Von Zeit zu Zeit wurden auf ihm aber zu unterschiedlichen Ereignissen Transparente aufgehangen; so ist ein Foto erhalten, das den Turm  anlässlich des tausendjährigen Jubiläums des polnischen Staates mit dem Schriftzug "1966" zeigt.

Schauen wir uns also den Turm in den letzten Jahren seiner Existenz an. Wir können ihn problemlos betreten: In den ersten Nachkriegsjahren war der Eintritt ohne jegliche Einschränkung möglich, weil niemand den Eingang bewachte. Davon war übrigens die Mehrheit der Sehenswürdigkeiten im Mittelbau des Ringes z.B. das benachbarte Rathaus, aus wessen in ihm erhaltenen Stadtarchiv Dokumente gestohlen wurden, betroffen. Der Turm wurde erst in den späteren Jahren abgeschlossen und obwohl dann nicht mehr für Besucher frei zugänglich, konnte man sich beim Verwalter der innenstädtischen Gebäude eine Erlaubnis besorgen und in ihn hineingelangen. Die Swidnitzer, die diesen Zeitabschnitt in Erinnerung behalten haben, betonen alle, dass der technische Zustand des Turms nicht gut gewesen sei.

 

Übrigens ähnlich, wie der Zustand der ganzen Altstadt, um deren Bausubstanz in den 40er, 50er und 60er Jahren überhaupt nicht gesorgt wurde. Man begrenzte sich darauf, das abzureißen, wovon der damalige Dissident der Meinung war, dass sich eine Renovierung nicht mehr lohnen würde.

Gehen wir also nach oben, über die quietschende und sehr marode Treppe. Sie befindet sich,  wie auch die übrigen Holzelemente, also z.B. das gesamte Treppenhaus sowie der Helmgiebel, in keinem guten Zustand. Die Balken, die die Decken der einzelnen Stockwerke stützen, sind im Mauerwerk verankert, viele weisen aber Brandspuren auf oder sind morsch, was Zeichen einer nicht sehr gründliche Renovierung nach einigen der Brände im 18. Jahrhundert sein könnte. 

Gegenüber können wir angebrachte Malereien bewundern, da die Farbschichten in relativ gutem Zustand erhalten wurden, wo sie da und dort zwischen den mit goldener Farbe überstrichen Ornamenten hervorblicken. Außen präsentiert sich der Turm weniger prachtvoll, so können wir es auf erhaltenen Bildern von damals sehen. Es führt eine ungepflegte und schmutzige Straße, die "Innere Straße" (ulica Wewnętrzna) zum Turm. An Ost- und Südfassade des Turmes klaffen kahle Stellen von fehlendem Putz und die hölzerne Tür, die zur Aussichtsterrasse führt, ist nur noch halb vorhanden. Als man Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre Sanierungsarbeiten am Theater, sowie die Anpassungsarbeiten der Räume des Rathauses für ein Museum zusammen mit einem Ausbau des Heizungsraumes durchgeführt hatte, wurde die Sanierung des Turmes selbst aufgrund der sicherlich zu hohen Kosten und dem Umfang der geplanten Arbeiten nicht erfasst. Nur die Uhr wurde regelmäßig gewartet, was von den swidnitzer Uhrmachern Henryk Wiśniewski und Edward Durał beaufsichtigt wurde. Beide müssen hochqualifizierte Fachleute gewesen sein: Der gepflegte Mechanismus  bewirkte, dass die Uhr als eine sehr genau die Zeit messende galt. In diesem Zustand, mit sich selbst allein gelassen, hat der Turm bis zu dem fatalen 5. Januar 1966, an dem er umstürzen sollte, überdauert.

Die eigentliche Erzählung der letzten Tage des Rathausturms beginnt Ende November 1966, als sich die  Stadtverwaltung, die verpflichtet war, die Förderung des Nationalen Rats der Woiwodschaft bis Ende des Jahres zu nutzen, zu einem schnellstmöglichen Abriss von Teilen der Bebauung der "Inneren Straße", um diese verbreiten zu können,  entschloss.

Ohne dass Statikgutachten über den Turm und seine umliegenden Gebäude angefertigt wurden, begannen die Abbrucharbeiten am 13. Dezember 1966. Abgerissen werden sollten die Häuser der "Inneren Straße" Nr. 4 und Nr. 6, ein Fragment der älteren Bebauung auf der Westseite des Rathausturmes, sowie das direkt benachbarte Haus Nr. 11.  Letzteres besaß drei Strebebögen, die sich über der "Inneren Straße" befanden. Später hat sich herausgestellt, dass diese Bögen eine Stützfunktion ausübten, sowohl für das Mietshaus als auch für den Turm, von dem sie einen Teil der Belastung absorbierten.  Dies wusste der Auftragnehmer, das woiwodschaftliche Unternehmen für Fassadenbau, Ordnungsarbeiten und Hilfsproduktionen mit Sitz in Legnica, nicht. Aus den Niederschriften im Baubuch geht aber hervor, das die Abbrucharbeiten ohne technische Unterlagen durchgeführt wurden, es wurde auch kein Aufsichtsinspektor berufen. Es ist schwierig, einen besseren Beweis für menschliche Ignoranz und Dummheit zu finden. Am 3. Januar 1967 schrieb der Bauleiter in sein Baubuch: „[...] die Mauern des Turms sind in großer Gefahr und in diesem Zusammenhang bitte ich um die nachfolgende Entscheidung über die Fortsetzung der Arbeiten”. Ähnlich wie frühere, ebenfalls alarmierende Eintragungen, hat auch diese bei niemandem Interesse geweckt. Für die Rettung des Rathausturmes war es auch schon zu spät: Der Turm hatte den Rückhalt verloren, weil die Mauern der benachbarten Mietshäuser sowie die drei Strebebögen, die einen Teil der Last des Turmes getragen hatten, schon abgerissen waren und das Gebäude selber an Gleichgewicht und Stabilität verloren hatte.

Gehen wir aber in die nicht allzu sehr entfernte Vergangenheit zurück. Es ist der 5. Januar 1967. Um 14.50 Uhr wählte der Leiter der Abrissarbeiten auf der "Wewnętrzna (Inneren)- Straße" ganz nervös die Telefonnummer des Stadtarchitekten. Etwas Schreckliches passiert! Auf dem Korpus des Turms sind Risse und Bruchstellen aufgetaucht, man sieht auch den vom Turm abfallenden Putz! Sofort kommt die Miliz, die das Terrain absichert und die Bewohner der benachbarten Häuser evakuiert sowie Schaulustige in sichere Entfernung bringt.

Es war nicht klar, was man weiter tun sollte. Es gab keine Zeit für rationelles, ruhiges Denken. Die Glocke schlägt drei Uhr nachmittags. Jemand kommt auf die Idee, den Korpus des Turms, wo der Riss immer deutlicher wird, mit Stempeln zu stützen. Es ist eine fehlerhafte Entscheidung; wie spätere Untersuchungen zeigen, hätte das nur den Zusammenbruch des Objekts beschleunigt. Wenn der Turm auf die Arbeiter gestürzt wäre, hätte es sehr wahrscheinlich Todesfälle gegeben. Zum Glück gab es keine Zeit für die Umsetzung. Der untere Teil des Turmstammes wölbt sich nach außen und von den gotischen Bögen bis zu der ersten Etage taucht ein gewaltiger Riss auf. Retten könnten den Turm nur Stahlzugstangen, die den Stamm des Turms umgürten würden. Für ein solches Vorgehen ist es aber schon zu spät.Um 15.15 Uhr schlägt das letzte Mal die Viertelstunden-Glocke. Es klingt symbolisch, wie ein Memento an die menschliche Dummheit und Gedankenlosigkeit. Es ist nicht auszuschließen, dass die Resonanz des Glockenklangs bewirkt, dass der Riss des Turmes sich vergrößert und einige Sekunden später, um seine Lotachse auseinander gerissen, sackt der Turm auf die Gebäude von Theater, Rathaus und Lagerhäusern des Kreisverbands der Gemeindegenossenschaft "Bäuerliche Selbsthilfe" ab. Er sinkt majestätisch, langsam und ohne Krach. Die Katastrophe erklingt ausschließlich als dumpfes Geräusch, wie ein ferner Kanonenschuss... Der swidnitzer Dichter Mieczysław Jasek schrieb in seinem Gedicht, dass der Turm "in einer heroischen Geste kniete."

Viele Swidnitzer wollten den Umfang der Katastrophe nicht glauben, sie ließen sich erst davon überzeugen, als sie sahen, dass das dominante Element aus der Landschaft des Gebäudekomplexes in der Mitte des Marktplatzes verschwunden war.

Die Katastrophe verursachte keine Todesfälle. Fast sofort wurde eine Untersuchung eingeleitet, obwohl in Wirklichkeit  versucht wurde, die Tatsache einer skandalösen Inkompetenz in Bezug auf die Durchführung von Arbeiten auf der "Inneren Straße" zu kaschieren. Blitzschnell begann man, mit Baggern, Planierraupen und Kippern den Schutt zu entfernen. Diese Eile beim "unter den Teppich kehren" von Beweisen der Katastrophe bewirkte, dass sich niemand um die Rettung der Steinmetzbauelemente und der Ausstatungselemente kümmerte. Ins Museum wurden nur die Viertelstunden- und Stunden-Glocke, das Uhrwerk und Zeiger sowie eine kleine Menge von Steinmetzmauerwerk gebracht. Der damalige Museumsdirektor Franciszek Jarzyna informierte in einem der Berichte, dass "alles getan wurde, um diese Teile des Turms zu retten und zu sichern, die möglicherweise historischen Wert darstellen und in der Zukunft zu Rekonstruktionen verwendet werden könnten. Kleinere Elemente, und die gab es viele, wurden vorübergehend im Lager des Theaters, größere  Gegenstände (der kupferne Turmhelm etc.) wurden in den städtischen Hallen unter strenger Aufsicht aufbewahrt". Leider wissen wir nicht, wie viele dieser geschützten Elemente es gab. Nach dem, was bis jetzt erhalten blieb, denkt man: nicht viel. Darunter war wohl auch ein Turmhelm, der in den späteren Jahren aus dem städtischen Lager, ähnlich wie die dort gelagerte Steinwerkelemente verloren ging.

Schnell wurde der geräumte Schutt auf eine Deponie in der Bystrzycka Straße transportiert. Die Räumung des Terrains dauerte ca. 1,5 Monate, die Kosten dieser Arbeiten beliefen sich auf 200.000 Zloty.

Die schändliche Nachlässigkeit, die zur Katastrophe führte kaschierend, bemühten sich die  Behörden, dafür eine glaubwürdige Rechtfertigung zu finden. Zunächst wurde versucht zu suggerieren, dass der Turm durch Wasser unterspült wurde, obwohl spätere Untersuchungen zeigten, dass das Grundwasser viel tiefer als das Fundament des Turms war. Die Staatsanwaltschaft des Landkreises, die ein Verfahren eingeleitet hatte, hat dieses aber auf Basis eines technischen Gutachtens, welches von einer speziellen Kommission aus Wrocław, unter Leitung von Professor John Suwalski aus der Technischen Hochschule zu Wrocław (Breslau), erstellt worden war, eingestellt. In diesem Gutachten wurde festgestellt, dass "die Ursache für den Sturz der Rathausturms der schlechte technische Zustand gewesen ist." Dann war die Rede von Wasser aus einer geplatzten Leitung. Ein paar Jahre nach dem Sturz wurde hartnäckig behauptet, "dass die durchgeführten Abbrucharbeiten nur einen indirekten Einfluss auf die Katastrophe gehabt haben"(aus den Brief von Zygfryd Sikorski, Leiter der Abteilung für Raumplanung und Umweltschutz der Stadtverwaltung in Świdnica an die Tageszeitung " Słowo Polskie"  im Oktober 1973). Archäologische Forschungen, die in den 80er und 90er Jahren durchgeführt wurden, konnten aber deutlich machen, dass die Ursache für den Zusammenbruch des Turms eine Verletzung seiner Stabilität durch den Abriss der umliegenden Gebäude und damit dem Wegfall der stützenden Mauern und Strebebögen war.

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 „Właściciel tej pocztówki zdobył wieżę ratuszową w Świdnicy o wysokości 58 m…”

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