Vom Stadtrat zum Dieb

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Quelle: A. Dobkiewicz
Der gemauerte Kopf im Hausflur des Rathausgebäudes soll von der Figur, die einst auf dem Turm angebracht war und den Stadtrat Dieb darstellte, stammen.

Offenbar lebte in den alten Zeiten, im Haus zu den "goldenen Männlein" (Altmarkt Nr.8) ein Stadtrat namens Zechli, der erfolglos versuchte, ein Mittel zu finden, mit dem man verschiedene Substanzen in Gold umwandeln kann. Über das Schicksal des Alchimisten erzählt eine Sage, die schon im Jahre 1667 veröffentlicht wurde, und die der aus der Direktor des Museums der alten Kaufmannschaft  in Świdnica, Herr Wiesław Rośkowicz, aus der deutschen Sprache ins Polnische übersetzt hat.

"Es wird landläufig und überall gesagt, dass in den alten Zeiten in Świdnica ein seltsames Ereignis geschah. Ein gewisser Ratsherr, der gegenüber dem Rathauskeller lebte, eignete sich das Gold aus der Schatzkammer der Stadt an. Um seine Gier zu befriedigen, hatte er eine Dohle so dressiert, dass sie an einem Abend durch ein zerbrochenes Fensterglas oder durch ein geöffnetes vergittertes Fenster in die alte Rathauskammer hineinflog und eine oder mehrere Goldmünzen im Schnabel herrausbrachte. Die Münzen waren nicht in einem Kästchen eingeschlossen, weil man dachte, dass der Raum ausreichend sicher sei, man lies sie daher einfach auf dem Tisch liegen. Als schließlich das Fehlen einer großen Geldmenge bemerkt wurde, verdächtigten sich die Ratsmitglieder gegenseitig. Deshalb lauerte einer von ihnen während der Nacht in der geschlossenen Rathauskammer dem Dieb auf. Nach Sonnenuntergang, als die  Dunkelheit eintrat, flog die Dohle durch das Fenster ein. Sie nahm eine Goldmünze in den Schnabel und flog mit ihr in das Haus der vorgenannten Ratsherren. Als die List durchschaut war, ließ man auf dem Tisch in der Kammer ein paar markierte Münzen liegen, die ebenfalls von dem fliegenden Boten entführt wurden. Darufhin traf sich der ganze Rat und beriet, welche Strafe man der Person auferlegen soll, die das Gemeingut stiehlt. An dem Treffen nahm auch der schuldige Stadtrat teil, welcher, nicht wissend, worauf die Zusammenkunft hinauslief, folgendes Urteil sprach: Wer es wagt, die Einnahmen des Staates zu verkleinern, ist würdig, von der höchsten Terrasse des Rathausturms bis zum Boden hinabzusteigen, oder auf der Terrasse den Hungertod zu erleiden.

Nun schickte man die Stadtwärter zum Hause des schuldigen Stadtrats, wo man nicht nur die dressierte Dohle sondern auch die markierten Goldmünzen fand. Der erwähnte Ratsherr war schon ein alter Mann und hatte einen großen runden Bart, der zu jener Zeit als eine ungewöhnliche Zierde zählte, wie es uns bis zum heutigen Tag eine erhaltene Steinskulptur zeigt. Er fügte sich sofort der Strafe, die er selbst vorgeschlagen hatte. Wegen seines Alters sollte die Strafe jedoch ein wenig abgemildert werden. Es folgt eine schreckliche, aber denkwürdige Geschichte: Der alte Mann, der zuvor ein hohes Ansehen genossen hatte, stieg, nach dem ihm sein Urteil verkündet worden war, auf die Terrasse des Turms, während ihm viele Hunderte von Menschen zusahen. Seine Kinder waren verzweifelt, ihren alten und geliebten Vater Beleidigungen und Schande ausgesetzt zu sehen, aufgrund eines Urteils, das er selbst gefällt hatte. Auch die Trauer seiner Frau, die die Freude der Menge mit ansehen musste, während ein Teil ihres Herzens unter ihren Seufzern und ihrem Leiden zerbrach, war groß, als sie ihren Mann dort oben auf dem Turm sah, und ihm lauter Verhöhnungen entgegen schollen. Der arme Sünder, der sich selbst verurteilt hatte, war von Todesangst erfüllt. Er sammelte jedoch seine letzten Kräfte, um auf die Terasse unter der steinernen Balustrade, zitternd und voller Angst, hochzusteigen. Dort oben aß er vor Hunger seinen eigenen Leib an Armen und Beinen so weit auf, wie er ihn erreichen konnte, und mit bitteren Tränen seine Sünden bereuend hauchte er am am zehnten Tag seine Seele aus. Seine armen Kinder und seine in tiefer Trauer gesunkene Frau, die so viele Jahre in Harmonie mit ihrem Vater und Mann gelebt hatten, sahen ihn dort, wie er sich vor Hunger selbst aufaß und konnten doch nicht helfen, ihm noch nicht einmal einen Brotkrumen geben. Wie erwähnt, beendete der reuige Sünder sein Leben am zehnten Tag und an dem Ort, wo er seine Seele ausgehaucht hatte, errichtete man eine steinerne Statue, die uns seine Gestalt als ewige Erinnerung an diese Straftat zeigt. Diese Skulptur platzierte man auf der steinernen Balustrade des Turms. Die Statue wurde im Jahre 1642 von starkem Wind niedergerissen, der erhaltene Kopf wurde im Rathaus aufbewahrt. "

Ist in der alten Legende ein Stück Wahrheit? Die alten Chroniken erwähnen tatsächlich die Statue des Ratsherrn, die auf einem der Geländer des Rathausturms positioniert wurde. Im Vorderraum des Rathauses befindet sich bis heute auch ein eingemauerter Kopf, der ein Teil dieser Statue sein soll – er zeigt aber keinen bärtigen alten Mann, sondern einen Ritter mit Helm.

Quelle: W. Rośkowicz auf Basis einer Übersetzung des Fragments des Buches von E.I.Naso mit dem Titel: Phoenix redivivus Ducatuum Svidnicensis et Jauroviensis. Der wiederlebendige Phoenix der beiden Fuerstenthuemer Schweidnitz und Jauer, herausgegeben  in Wrocław/Breslau im Jahre 1667.

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 „Właściciel tej pocztówki zdobył wieżę ratuszową w Świdnicy o wysokości 58 m…”

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